Nach drei Wochen auf der Schulbank wurden wir als Aspirantinnen auf die Kollegen losgelassen, um im praktischen Einsatz das in der Theorie Gelernte umzusetzen.
So ziemlich am Anfang war ich als Billeteuse auf der Linie 11 eingeteilt, wo der Muster-Motorwagen Be 4/4 400 «Dante Schuggi» fuhr. Er war der einzige Motorwagen der BVB, bei dem die Türen vom Wagenführer pneumatisch geöffnet und geschlossen wurden. Sonst war dies Aufgabe des Billeteurs.
Die Endstation des 11ers war damals am Aeschenplatz. Der Kollege erklärte mir, auf Folgendes zu achten: Zuerst hinausschauen, ob alle Personen eingestiegen sind, danach zurückgehen und erst dann das Zeichen mit dem optischen Signal zur Abfahrt geben, damit der Wagenführer die Türen schliessen konnte. Wir sind dann abgefahren und kamen zur ersten Haltestelle Denkmal. Ich gab das Zeichen zum Halten, schaute hinaus und zog wie bei den andern Trams hinter mir das Optische – schon hatte ich den Hut zwischen den Türen, da ich vergass, den Kopf zurückzuziehen. Dies passierte mir nur einmal, danach zog ich meinen Kopf immer brav zurück.
Be 4/4 400 «Dante Schuggi» mit automatischer Türe bei der Mittelplattform. In der vorderen Türe des ersten Anhängewagens ist der Billeteur zu erkennen. Aufnahme vom 28. Juni 1964 in Reinach Dorf.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen
Löchlizange
So gab es einige Missgeschicke, auch auf der Tramlinie 18. Diese führte damals von der Neuweilerstrasse via Heuwaage zur Schifflände und zurück. Als ich an der Endhaltestelle Neuweilerstrasse auf die Toilette gehen musste, hatte ich die Lochzange für die Coupierung der Fahrausweise in der Tasche. Damals waren die Toiletten noch mit einem Plumpsklo ausgestattet und es geschah, was jeder ahnt: Meine Zange rutschte aus der Tasche und verschwand im Loch. Ob sie beim Umbau des Stationsgebäudes wieder zum Vorschein gekommen ist, weiss ich nicht. Ich stieg jedenfalls ohne meine Zange wieder in das Tram und bat alle Fahrgäste, welche mit einem Kärtli bezahlen wollten, sich ein Einzelbillett zu kaufen. Das Endziel konnte ich jeweils mit einem Bleistift lochen. Im Stationsbüro am Barfüsserplatz erhielt ich dann eine neue Löchlizange.
Verschoben
Der Sommer ging langsam vorbei und ich hatte noch zwei Wochen Ferien. Grundsätzlich wurden wir dem dem Wohnort nächstgelegenen Depot eingeteilt. Doch ausgerechnet einen Tag vor meinen Ferien teilten sie mich dem Depot Wiesenplatz statt meinem Heimatdepot Allschwilerstrasse zu.
Ich fing früh am Morgen auf der Linie 14 an und hatte zwei Anhänger zu bedienen. So um 7 Uhr standen wir in Muttenz an der Haltestelle Schützenstrasse. Ich gab die Fahrt bereits frei, als ein Herr noch mitfahren wollte, deshalb schaltete ich das optische Signal noch einmal ein. Er stieg ein und ging ins Wageninnere. Weil es sehr kalt war, schlug er die Türe rasant zu. Leider hatte ich aber noch meine Finger dazwischen, die sich um den Metallrahmen quetschten. Die Fingerspitzen schwollen an und die Haut färbte sich blau. Wie sich später herausstellte, war mein Mittelfinger gebrochen.
Da ich in solchen Situationen schnell ohnmächtig werde, ging ich zum Kollegen im Motorwagen, der – während ich mich hinsetzte – alle drei Wagen bis zum Barfüsserplatz bedienen musste. Ich verzog wegen der starken Schmerzen immer wieder das Gesicht, was eine Dame bewog, mir eine Schmerztablette anzubieten, die ich dann auch dankbar ohne Wasser hinunterschluckte. Beim Joggeli (St. Jakob) konnte sie es dann allerdings nicht mehr mitansehen und hatte Mitleid mit mir. Mit dem Einverständnis meines Kollegen stieg sie mit mir aus, um mit einem Taxi in die Notfallaufnahme zu fahren. Auf der Kreuzung stand ein Polizist, der den Verkehr regelte. Sie ging zu ihm und erklärte ihm die Situation. Ohne zu zögern verliess er seinen Posten auf der Kreuzung und telefonierte von einem kleinen Kasten direkt der Taxizentrale. Das Taxi kam sehr schnell. Ich dankte der Frau und fuhr zur Notfallaufnahme. Es war erst halb acht Uhr und alles war noch geschlossen. Der Taxifahrer liess mich im Auto sitzen, bis ich hinein konnte. Um 11 Uhr kam ich mit einem Gips vom Ellbogen bis zu den Fingerspitzen wieder aus dem Spital. In die Ferien konnte ich etwas später trotzdem reisen.
Ein für die Linien 12 und 14 typischer Tramzug mit zwei Anhängern, wie er in den Fünfziger- und Sechzigerjahre verkehrte. Aufnahmedatum (10. Juni 1971) und Sichtauge verraten, dass dieser Zug bereits ohne Billeteur, jedoch sicher noch mit Zugbegleiter unterwegs ist.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen
Während meiner Genesungszeit konnte ich nicht als Billetteuse arbeiten. Ich bekam dafür die Möglichkeit, im Büro zu helfen. Als ich am ersten Tag ins Büro kam, sah ich einen mir bekannten Herrn von hinten und rief ihm vertraut zu: «He, hallo, was machst du denn hier?» Er drehte sich um und ich wurde ganz verlegen, denn es war gar nicht der Bekannte, sondern ein mir völlig fremder Herr. Ich entschuldigte mich. Zum Glück nahm er es mir nicht übel, denn «Irren ist menschlich». Später wurde dieser Herr mein oberster Chef, gleich nach dem Regierungsrat.
Saukalt
Es wurde langsam Winter, und dieser wurde richtig kalt – bis 20 Grad minus! In den Drämmli verzierten Eisblumen die Fenster, denn auf den Plattformen der alten Wagen zog es sehr stark. Die kleinen Heizöfeli unter den Sitzen gaben kaum warm. Unter den Sitzen der Billetteure war auch eines. Es vermochte die Beine unter dem – uns Frauen von den BVB zur Verfügung gestellten – Jupe nicht aufwärmen. Stiefel wurden nur langsam eingeführt, was wir uns heute kaum noch vorstellen können.
Es gab eine Weisung, dass wir keine Gummistiefel tragen dürfen. In einem Laden entdeckte ich halbhohe schwarze Wildlederstiefel, die ich mir für 59 Franken kaufte, was damals sehr viel Geld war. Ich traute mich, die Stiefel anzuziehen. Doch es ging nicht lange und schon musste ich in die Verwaltung zum Betriebschef. Er schaute die Stiefel an und meinte: Die Stiefel sind ja aus Leder! Selbstverständlich dürfe ich diese tragen. Kaum zurück auf der Arbeit fragte mich ein Kontrolleur (Mitarbeiter der Betriebsaufsicht) am Claraplatz, warum ich die Stiefel anhabe. Ich sagte ihm ruhig, dass diese vom Betriebschef persönlich genehmigt wurden.
So ähnlich passierte es auch mit einem Schal. Weil ich auf die Wolle eines an die Billetteusen abgegebenen Schals allergisch war, kaufte ich mir einen eigenen schwarz/weissen Seidenschal. Auch dafür wurde ich gerügt, doch als sie sahen, wie mein Hals aussah, wenn ich den originalen BVB-Schal trug, ging auch das in Ordnung. Damals war die Kleiderordnung sehr streng, und für jede noch so kleine Abweichung von den Vorschriften wurde man umgehend gerügt.
[Weiter]
Zuletzt aktualisiert am 30. Mai 2026 von Dominik Madörin



Hinterlasse einen Kommentar