Be 4/6 659 am 8. Februar 1990 – wenige Tage vor der Ablieferung – auf dem Anschlussgleis von Schindler Waggon AG in Pratteln bzw. Be 4/6 680 im letzten Betriebszustand kurz vor der Ausmusterung.
© Dominik Madörin, CH-Ettingen (Bild-Nr. 8.27 bzw. 13_1187)

Um das erhöhte Fahrgastvolumen, welches sich als Folge des neuen Umweltschutz-Abonnement ergeben hatte, bewältigen zu können, mussten die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) unter anderem ihren Rollmaterialbestand aufstocken. Dies führte zur Beschaffung der 26 Be 4/4 477–502 «Cornichon». Ende 1986 – die Lieferung der Be 4/4 477–502 war noch im Gange – zeigte sich, dass zu wenig neue Motorwagen geordert worden waren. Neue Berechnungen ergaben einen Bedarf von 38 zusätzlichen Vierachsern oder 28 zweiteiligen Gelenkwagen. Der Entscheid fiel schliesslich zugunsten von Gelenkwagen.

Schindler Waggon AG (SWP) bot einen Fahrzeugtyp an, welcher den Vorstellungen der BVB am ehesten entsprach. Gegen den für die Beschaffung nötigen Kreditbeschluss des Parlaments ergriffen allerdings Behinderten- und Betagtenorganisationen das Referendum. Sie forderten Fahrzeuge mit einem Niederflurbereich und fortschrittlicherer Traktionstechnik. Im Interesse einer raschen Lieferung stellten sich die Stimmbürger jedoch hinter die BVB und lehnten das Referendum ab.

Die 28 ab April 1990 innert Jahresfirst gelieferten Be 4/6 659–686 basierten wagenbaulich auf den Schindler-Gelenkwagen Be 4/6 201–266, welche SWP 1978–81 für die Baselland Transport AG (BLT) erbaute. Die beiden Wagenhälften stützten sich über einen Kugeldrehkranz auf das mittlere, antriebslos ausgebildete Jakobsdrehgestell ab. Eine leichte Fahrzeugverlängerung (Kastenlänge 19’600 mm gegenüber 19’200 mm) zusammen mit der von den Be 4/4 477–502 übernommenen asymmetrischen Front- und Heckpartie brachte gegenüber dem BLT-Gelenkwagen ein um zehn Prozent grössere Fassungsvermögen.

Von den Be 4/4 477–502 ebenfalls übernommen wurden der Aufbau des Rohbauwagenkastens, die neugestalteten vierstufigen Einstiege mit Klapptrittbrettern, das Innen- und Aussendesign sowie die Konzeption des Führerstands. Die Triebdrehgestelle und die elektrische Ausrüstung der Be 4/6 659–686 waren ebenfalls gleich ausgeführt wie bei den Cornichon. Die Steuerung der Anfahr- und Bremsvorgänge übernahm die SIBAS-16-Steuerung, so dass die Be 4/6 659–686 in Mehrfachtraktion mit den Be 4/4 477–502 und den umgebauten Be 4/4 466–476 verkehren konnten.

Be 4/6 678

Heckansicht des Be 4/6 678 vor dem Umbau (Aufnahme vom Mai 1998).
© Dominik Madörin, CH-Ettingen (Bild-Nr. 8.359)

Technische Daten bei Inbetriebsetzung:

Typenbezeichnung: Be 4/6
Anzahl Wagen: 28
Wagennummern: 659 bis 686
Im Linienbetrieb: 1990 bis 2017

Mechanischer Teil: SWP, SIG
Elektrische Ausrüstung: ABB, Siemens
Anschaffungskosten/Wg.: CHF 1’907’500.–
Länge über alles: 20’370 mm
Grösste feste Breite: 2’200 mm
Grösste feste Höhe: 3’742 mm
Radsatzabstand im Drehgestell: 1’750 mm
Drehgestellmittenabstände: 2 x 6’400 mm
Radsatzfolge: B'(2)B‘
Dienstgewicht: 26’500 kg
Sitz-/Stehplätze: 43+1/124
Höchstgeschwindigkeit: 60 km/h

Anzahl Fahrmotoren: 2
Hersteller/Typ: ABB 4 ELO 2052 T
Stundenleistung: 2 x 204 PS bzw. 2 x 150 kW
Übersetzungsverhältnis: 1:5,63

Bremsen: elektrische Widerstandsbremse, indirekt wirkende Druckluftbremse, Magnetschienenbremse, hydromechanische Feststellbremse, EPV für Anhängewagen-Druckluftbremse

Nach der Lieferung der auch als «Guggummere» (Gurke) bezeichnet Gelenkwagen – der «Name» war beim Be 4/6 659 bis 2003 unter dem rechten Führerstandfenster angebracht – stand die Forderung nach Niederflurfahrzeugen immer noch im Raum. Die BVB entsprach diesem Begehren, indem sie die Be 4/6 659–686 mit einem Niederflur-Mittelteil ergänzen liess. Dieses bestand aus einem 7’750 mm langen, in gewickelter Faserverbundtechnik ausgeführten Wagenkasten, welcher mit dem Untergestell, einer geschweissten Hohlprofilkonstruktion aus Stahl, fest verschraubt war. Das Untergestell ruhte auf zwei angesteuerten Losrad-Fahrwerken aus dem COBRA-Baukasten von Fiat-SIG und übertrug die gesamten Fahrzeug-Längskräfte. Das Jakobsdrehgestell entfiel somit. Einzelne Exemplare fanden für die Erweiterung von BLT-Gelenkwagen zu Achtachsern weitere Verwendung.

Niederflur-Mittelteil

Niederflur-Mittelteil mit zusätzlicher Aussenschwenktüre. Aufgrund der beiden Losrad-Fahrwerke änderte die Typenbezeichnung im Gegensatz zu den Sänften der BLT nicht und blieb Be 4/6 (BVB-intern Be 4/6 S). Die Radsatzfolge lautete nun B’1’1’B‘.
© Dominik Madörin, CH-Ettingen (Bild-Nr. –)

Die Türe im Niederflurbereich war als zweiflüglige, elektrisch angetriebene Aussenschwingtüre ausgebildet. Die vorhandene Motorenleistung von total 300 kW blieb unverändert. Die Umbauten erfolgten zwischen 1997 und 1999 bei Adtranz in Pratteln, dem ehemaligen Schindler-Werk. Die BVB-interne Fahrzeugbezeichnung lautete neu «Be 4/6 S», wobei der Buchstabe «S» für «Sänfte» stand.

Die Niederflur-Mittelteile bereiteten weder den BVB noch den Fahrgästen ungetrübte Freude. Ungenügende Isolation und fehlende Entkopplung der Wagenkästen gegenüber den Untergestellen führten zu grosser Lärmentwicklung, sowohl aussen als auch im Wageninnern. Die rasch zur Unrundheit neigenden Räder der Losradfahrwerke verstärkten die Geräuschbildung zusätzlich. Die elektro-hydraulische Bremsanlage der Losräder sowie die Schienenbremsen der Mittelteile erwiesen sich als sehr störungsanfällig. Die Lärmentwicklung konnte durch Nachbesserungen bei der Abfederung und der Isolation reduziert werden. Hingegen liess sich kein Mittel gegen die Polygonbildung der Räder finden, was häufiges Reprofilieren erforderte.

Die Be 4/6 659–686 waren zunächst dem Depot Allschwilerstrasse zugeteilt und kamen dementsprechend auf den Linien 1 und 6 zum Einsatz. Zudem halfen sie auf der Linie 3 oder auf der Linie 8 aus. Nach dem Umbau blieben sie der Linie 1 treu, verschwanden jedoch vom 6er und 8er. Dafür tauchten sie auf der mit der Linie 1 verknüpften Linie 14 sowie auf der Linie 2 auf. Ein weiteres Aufgabengebiet fanden sie als Alleinfahrer auf den Bruderholzlinien 15 und 16. Somit kamen die Guggummere wie nur wenige andere Fahrzeugtypen auf sämtlichen BVB-Tramlinien zu regelmässigen Einsätzen. Sogar auf der Linie 11 waren sie einige Tage zu Gast, als die Betriebsführung von der BVB zur BLT wechselte. Zahlreiche Be 4/6 mit Niederflur-Mittelteil trugen Ganzwerbung, insbesondere jeweils kurze Zeit während der Uhren- und Schmuckmesse «Baselworld».

Be 4/6 685

Be 4/6 685 nach Einbau des Niederflur-Mittelteils (Aufnahme vom Mai 2010).
© Dominik Madörin, CH-Ettingen (Bild-Nr. 13_71)

Be 4/6 676

Heckansicht des umgebauten Be 4/6 676.
© Dominik Madörin, CH-Ettingen (Bild-Nr. 13_171)

Um Haltestellen mit hohen Haltekanten bedienen und somit die Vorgaben des Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) erfüllen zu können, hätten die Einstige der Be 4/6 659–686 analog jener der Be 4/4 477–502 umgebaut werden müssen. Die damit verbundenen Investitionen hätten jedoch weder für den Betrieb noch für die Fahrgäste einen entsprechenden Mehrwert ergeben. Da sich zudem die Probleme mit dem Fahrwerk des Niederflur-Mittelteils nicht dauerhaft lösen liessen, fiel 2012 der Entscheid, die noch relativ jungen Gelenkwagen durch Neufahrzeuge des Typs FLEXITY Basel zu ersetzen und den bereits angelaufenen Umbau der Einstiege zu stoppen. Als einziger durchlief der Be 4/6 686 das Programm und verliess die BVB-Hauptwerkstätte im Frühjahr 2012 mit umgebauten Einstiegen und erneuertem Inneraum.

Nach einer Kollision auf dem Aeschenplatz Mitte 2016 wurde der Be 4/6 674 (er rollte rückwärts in den ausfahrenden BLT-Gelenkwagen Be 6/10 151) als erster aus dem Betrieb zurückgezogen. Nach erfolgter Reparatur wurde er zusammen mit den Be 4/6 659, 661 und 685 im Januar 2017 an den Trambetrieb in BG-Sofia abgegeben. Bis Ende 2017 musterte die BVB die übrigen Fahrzeuge der Serie aus und liess sie in die bulgarische Hauptstadt überführen.

Spätere Änderungen (Auswahl):

  • Ab 1996: Kleinere Scheinwerfer (anfänglich nur nach Kollisionsschäden)
  • 1996–98: Ersatz der hydromechanischen Feststellbremse durch eine Federspeicher-Feststellbremse, IBIS-Gerät, automatische Haltestellenanzeige, Aussenlautsprecher
  • 2000–2002: Einbau von Führerstand-Klimageräten
  • 2004-05: LCD-Liniennummern- und Endzielanzeigen (seitlich und hinten)
  • ab 2005: Ausbau der Schienenbremsen im Mittelteil, Verstärkung jener in den Motordrehgestellen
  • ab 2007: Einbau Videoüberwachung
  • 2012: Refit Innenraum, Trittstufenumbau infolge hoher Haltekanten (BehiG) (nur Be 4/6 686)

Taufnamen

  • Be 4/4 659: Guggummere (1990 bis 2003)

Fahrzeugporträts

Be 4/6 659

Inbetriebsetzung: 06.04.1990
Ausmusterung: 2016

Verbleib: 2017 an S.E.T., BG-Sofia (Tw 659)

25.02.1999 bis 16.04.1999: Einbau Nf-Teil
2013 bis 2013: Ganzwerbung «Picasso»

Be 4/6 660

Inbetriebsetzung: 11.04.1990
Ausmusterung: 2017

Verbleib: an S.E.T., BG-Sofia (Tw 660)

19.05.1999 bis 16.07.1999: Einbau Nf-Teil
2003 bis 2004: Ganzwerbung «Merz Black-Box»

Be 4/6 661

Inbetriebsetzung: 12.04.1990
Ausmusterung: 2016

Verbleib: 2017 an S.E.T., BG-Sofia (Tw 661)

02.06.1999 bis 04.08.1999: Einbau Nf-Teil
2012 bis 2014: Ganzwerbung «muba» (Motiv 2)
2015 bis 2015: Ganzwerbung «Bomberg»

Be 4/6 662

Inbetriebsetzung: 26.04.1990
Ausmusterung: 2017

Verbleib: an S.E.T., BG-Sofia (Tw 662)

05.11.1998 bis 18.12.1998: Einbau Nf-Teil
2013 bis 2013: Ganzwerbung «Bomberg»
2013 bis 2014: Ganzwerbung «BPG»
2015 bis 2015: Ganzwerbung «ice watch»

Be 4/6 663

Inbetriebsetzung: 15.05.1990
Ausmusterung: 2017

Verbleib: an S.E.T., BG-Sofia (Tw 663)

27.01.1999 bis 17.03.1999: Einbau Nf-Teil

Be 4/6 664

Inbetriebsetzung: 17.05.1990
Ausmusterung: 2017

Verbleib: an S.E.T., BG-Sofia (Tw 664)

16.12.1998 bis 12.02.1999: Einbau Nf-Teil

Be 4/6 665

Inbetriebsetzung: 23.05.1990
Ausmusterung: 2017

Verbleib: an S.E.T., BG-Sofia (Tw 665)

18.11.1998 bis 14.01.1999: Einbau Nf-Teil

Be 4/6 666

Inbetriebsetzung: 12.06.1990
Ausmusterung: 2017 (nach Kollision)

Verbleib: an S.E.T., BG-Sofia (Tw 666)

07.10.1998 bis 20.11.1998: Einbau Nf-Teil
2008 bis 2008: Ganzwerbung «Carlsberg»
2009 bis 2010: Ganzwerbung «muba» (Motiv 1)
2013 bis 2013: Ganzwerbung «Calvin Klein»
2014 bis 2014: Ganzwerbung «Bomberg»
15.02.2017: Kollision mit LKW auf dem Lothringerplatz (Reparatur bei S.E.T.)

Be 4/6 667

Inbetriebsetzung: 22.06.1990
Ausmusterung: 2017

Verbleib: an S.E.T., BG-Sofia (Tw 667)

04.08.1998 bis 24.09.1999: Einbau Nf-Teil
2013 bis 2013: Ganzwerbung «ice watch»
2015 bis 2015: Ganzwerbung «Armani»

Be 4/6 668

Inbetriebsetzung: 04.07.1990
Ausmusterung: 2017

Verbleib: an S.E.T., BG-Sofia (Tw 668)

24.03.1999 bis 07.05.1999: Einbau Nf-Teil

Be 4/6 669

Inbetriebsetzung: 11.07.1990
Ausmusterung: 2017

Verbleib: an S.E.T., BG-Sofia (Tw 669)

21.04.1999 bis 15.06.1999: Einbau Nf-Teil
2014 bis 2014: Ganzwerbung «ice watch»
2015 bis 2015: Ganzwerbung «Michael Kors»