Ce 4/4 1 der Biel–Meinisberg-Bahn (BMB) – erster Motorwagen mit Simplex-Drehgestellen von Brown, Boveri & Cie., Baden. Der Leichtbau-Wagenkasten mit den beiden Endführerständen war von der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft (SIG) erbaut worden. Dem Ce 4/4 1 war nur eine kurze Einsatzzeit in Biel beschieden. 1940 wurde der Betrieb der BMB eingestellt und der Wagen ein Jahr später an die Lugano–Cadro–Dino-Bahn (LCD) veräussert.
© Sammlung Andreas Spaar, CH-Arlesheim

Die Tatsache, dass bei Strassenbahnwagen während Jahrzehnten immer wieder beinahe dieselben Konstruktionsprinzipien für den mechanischen Teil Anwendung gefunden hatten und die meisten Wagen kein überragendes Fahrverhalten aufwiesen, veranlasste die Firma Brown, Boveri & Cie. (BBC) mit Sitz in Baden (Schweiz) zu Beginn der Dreissigerjahre, die Entwicklung neuartiger Laufwerke in Angriff zu nehmen. Um die Abwendung des Publikums vom Tram aufzuhalten, sollte dieses schneller und ruhiger fahren können und einen mit den aufkommenden Konkurrenzverkehrsmitteln Auto und Autobus vergleichbaren Komfort bieten.

In Zusammenarbeit mit der Zweigstelle von BBC in DE-Mannheim baute die Waggonfabrik Uerdingen AG zwei vierachsige Triebwagen in leichter Stahlbauart für die von der Süddeutschen Eisenbahn-Gesellschaft betriebene, meterspurige Essener Strassenbahn. Die beiden sechsfenstrigen, 12,63 m langen Grossraum-Motorwagen («Lange Essener») kamen 1933 mit den Nummern 503 und 504 in Betrieb und zeichneten sich durch eine neuartige Drehgestellkonstruktion aus. Um eine möglichst grosse Gewichtseinsparung zu erzielen, war der in Längsrichtung angeordnete Motor so ausgebildet, dass dessen Stahlguss-Gehäuse mit oben angegossenem Drehzapfen selbst zum Drehgestellrahmen wurde.

Triebwagen 504 «Lange Essener»
Die Stadt Essen im Ruhrgebiet leistete 1933 Pionierarbeit mit dem ersten deutschen Grossraumwagen. Dies war zu einer Zeit, als in Europa noch viele Betriebe von zweiachsigen Fahrzeugen dominiert wurden.
© Essener Verkehrs AG (Sammlung TCB)

Die beidseitigen Drehmomentabgänge trieben beide Radsätze über Kegelradgetriebe mit Spiralverzahnungen an. Das Motorgehäuse stützte sich über vier Arme auf die Radsätze ab. Damit sich die Räder Gleisunebenheiten anpassen konnten, war ein Armpaar beweglich gelagert, was der entsprechenden Achse eine leichte Pendelbewegung von ± 1° um die Drehgestell-Längsachse ermöglichte. Zur Entlastung der Lager waren am Motorgehäuse Blattfedern angebracht, welche sich unter Vorspannung auf die beiden beweglichen Arme abstützten. Zur Dämpfung der auf beiden Radsätzen lastenden, unabgefederten Massen besassen die Triebräder zwischen Radkörper und Bandagen Gummieinlagen. Seitlich des Drehgestells angebrachte Federtöpfe nahmen die Schraubenfedern auf, auf welchen der Wagenkasten ruhte. Nach vierjähriger Betriebszeit mit guten Erfahrungen beschaffte Essen weitere zwanzig, leicht verkürzte Wagen mit den neuartigen Drehgestellen.

Unter der Leitung von Oberingenieur Franz Prantl entwickelte BBC das Uerdinger Drehgestell weiter und liess es unter dem Markennamen «Simplex-Drehgestell» patentrechtlich schützen. Ziel war, das Laufwerk für Überlandbahnen oder gar für Vollbahnen verwendbar zu machen und für höhere Achsdrücke zu ertüchtigen. Die gummigefederten Räder des Systems der Waggonfabrik Uerdingen eigneten sich nicht für Raddrücke über zwei Tonnen und die Abbremsung mit Radbremsklötzen (dementsprechend verfügten die Essener Wagen über Bandbremsen mit Bremstrommeln). Ausserdem wollte man die guten Erfahrungen, welche die SBB mit den mit BBC-Federantrieben ausgerüsteten Leichttriebwagen CLe 2/4 201–207 («Roter Pfeil») gemacht hatten, einfliessen lassen.

Simplex-Drehgestell
Simplex-Drehgestell des Ce 4/4 1 der Biel–Meinisberg-Bahn (BMB). Der längs eingebaute Motor bildete den Drehgestellrahmen und trieb beide Radsätze über Kegelradgetriebe an. Links die an Schwingarmen aufgehängte Achse, rechts die Pendelachse. Klotzbremse noch fehlend.
© Werkaufnahme BBC (Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen)

1937 bot sich die Gelegenheit, diese Ideen beim neuen Leichtmotorwagen Ce 4/4 1 der damaligen Biel–Meinisberg-Bahn (BMB) zu realisieren. Wieder bildete der beide Radsätze über Kegelradgetriebe antreibende Motor mit seinem Gehäuse den Drehgestellrahmen. Eine Achse entsprach bis auf ein zusätzliches sphärisches Lager neben dem Kegelrad der Pendelachse des Uerdinger Vorbilds. Der andere Radsatz war über Lagerarme, welche sich in vertikaler Richtung bewegen konnten, an das Motorgehäuse angelenkt. Über Schraubenfedern stützte sich das gabelförmig verlängerte Motorgehäuse auf die Lagerarme und damit auf den Radsatz ab. Der Antrieb dieser Schwingachse erfolgte über einen BBC-Federantrieb, bestehend aus einem auf die Achse aufgeschrumpften Mitnehmerstern, der mit seinen sechs Armen zwischen die Federtöpfe griff, welche am konischen Triebzahnrad angeflanscht waren. Die Speichenräder waren klotzgebremst.

Dem Ce 4/4 1 der BMB war nur eine kurze Einsatzzeit in Biel beschieden. 1940 wurde die 1913 eröffnete, 6,8 km lange Meterspurstrecke eingestellt. Der Ce 4/4 1 kam zur Lugano–Cadro–Dino-Bahn (LCD) im Tessin, wo er bis 1970 in orange-weissem Anstrich und mit der neuen Betriebsnummer 10 verkehrte.

Simplex-Drehgestelle liessen sich trotz entsprechender Bemühungen der BBC zunächst nicht vermarkten. Viele Betriebe waren dem Monomotor-Antrieb gegenüber skeptisch eingestellt, da bereits geringe Unterschiede bei den Raddurchmessern zu erheblichen Leistungseinbussen und Verschleiss führten. Ausserdem waren die Kegelradgetriebe lärmig und schlecht einstellbar.

Für hohe Geschwindigkeiten und grosse Leistungen wäre zwar die Pendelachse ebenfalls durch eine Schwingachse mit Federantrieb ersetzt worden. Der Nachteil, dass nur ein Motor beide Achsen antrieb, hätte aber weiter bestanden. Erst die Idee, zwei Motoren einzubauen und beide Achsen als Schwingachsen auszubilden, führte zum Erfolg. Bei den nun als Simplex 1 bezeichneten Drehgestellen bildeten die beiden achsparallel eingebauten Motoren einen Teil des Drehgestellrahmens. Kegelradgetriebe wurden überflüssig, und der Federantrieb konnte einem Federscheibenantrieb Platz machen, bei welchem die Antriebswelle vom Anker nach dem Ritzel durch die als Hohlwelle ausgebildete Ankerwelle geführt wurde. Zwischen den Motoren konnte nun auch eine für einen weichen Lauf und höhere Geschwindigkeiten unabdingbare Wiege untergebracht werden. Die Rückkehr zu gummigefederten Rädern verbesserte Laufkomfort und Verschleissverhalten zusätzlich. Alle wichtigen Hebelgelenke waren mit stoss- und geräuschdämpfenden Silentblocs versehen.

Simplex-1-Drehgestell
Nicht aus der Spielwaren-Abteilung, sondern «Aus der Eisenbahn-Ausstellung bei Jelmoli»: Simplex-1-Drehgestell für die Zürcher Leichtmotorwagen Ce 4/4 401 ff.
© Armin Wanner (Sammlung Andreas Spaar, CH-Arlesheim)

Die ersten Fahrzeuge, welche Simplex-Drehgestelle des Typs 1 untergesetzt bekamen, waren die ab 1941 in Betrieb genommenen Zürcher Leichtmotorwagen Ce 4/4 401 ff. «Pedaler» (VST-Typ Ia, siehe auch Das blaue Wunder). Sie verfügten über zwei GLM-0640-Halbspannungsmotoren von BBC mit einer Stundenleistung von je 50 PS. Der Radsatzabstand betrug 1ʼ625 mm, der Laufkreisdurchmesser 660 mm.

Die Verwendung von stärkeren Motoren des Typs G 25 (65 PS) bei späteren Bestellungen für Zürich und Bern bedingte die Vergrösserung des Radsatzabstands auf 1ʼ700 mm. Für die schweren Standardmotorwagen VST-Typ Ib wie die Zürcher Ce 4/4 1371 ff. und die Basler Ce 4/4 401 ff. oder für Überlandfahrzeuge entwickelte BBC das Drehgestell Simplex 2. Mit 2 x 90 PS war es bedeutend höher motorisiert. Die grösseren Motoren und Räder mit einem Laufkreisdurchmesser von 770 mm zogen eine nochmalige Vergrösserung des Radsatzabstands auf 1ʼ850 mm nach sich. Wiege und Kastenabstützung erfuhren ebenfalls Verbesserungen.

Simplex-2-Drehgestell
Simplex-2-Drehgestell eines Ce 4/4 der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB).
© Werkaufnahme BBC (Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen)

Eine weitere, wesentlich abweichende und als Simplex 3 bezeichnete Bauform verfügte über schwinghebelgeführte Aussenachslager und war grundsätzlich für Normal- oder Breitspur-Fahrzeuge vorgesehen. Über Drehgestelle dieses Typs verfügten lediglich die normalspurigen Triebwagen Nrn. 155 und 161−167 der Chemins de fer Fribourgeois Gruyères–Fribourg–Morat (GFM).

Lieferungen von Simplex-Drehgestellen

Ohne weitere Angaben mit Innenlagern und für Meterspur
Jahr Typ Fahrzeug(e) Betrieb Bemerkungen
1937 Urform Ce 4/4 1 Biel–Meinisberg-Bahn (BMB) Monomotor, Speichenräder
1941 Simplex 1 Ce 4/4 401–418 Städtische Strassebahnen Zürich (StStZ)
1946 Simplex 2 Ce 4/4 40 Vereinigte Bern–Worb-Bahnen (VBW)
1946 Simplex 3 BCFe 2/4 155
BCe 4/4 161–167
Chemins de fer Fribourgeois
Gruyères–Fribourg–Morat (GFM)
Normalspur, Aussenlager
1947 Simplex 1 Ce 4/4 101–115 Städtische Verkehrsbetriebe Bern (SVB)
1947 Simplex 1 Ce 4/4 101–110 Städtische Verkehrsbetriebe Luzern (VBL)
1947 Simplex 2 Ce 4/4 1371–1375 Städtische Strassebahnen Zürich (StStZ)
1948 Simplex 2 Ce 4/4 401–452 Basler Verkehrs-Betriebe (BVB)
1948 Simplex 2 Ce 4/4 41–42 Vereinigte Bern–Worb-Bahnen (VBW)
1948 Simplex 2 CFt 81–82 Vereinigte Bern–Worb-Bahnen (VBW) motorlos (Laufdrehgestell)
1949 Simplex 1 Ce 4/4 1519–1550 Städtische Strassebahnen Zürich (StStZ)
1952 Simplex 1 Ce 2/4 601–603 Basler Verkehrs-Betriebe (BVB)
1952 Simplex 2 Nrn. 361–370 Ferrocarril Metropolitano de Barcelona SA Breitspur 1’672 mm, sp. Serie 200B
1956 Simplex 2 BFt 83–84 Vereinigte Bern–Worb-Bahnen (VBW) motorlos (Laufdrehgestell)
1958 Simplex 2 Be 4/4 453–456 Basler Verkehrs-Betriebe (BVB)
1960 Simplex 1 Be 4/4 121–130 Städtische Verkehrsbetriebe Bern (SVB)

 

Zuletzt aktualisiert am 29. April 2026 von Dominik Madörin