Nach drei Wochen auf der Schulbank wurden wir als Aspirantinnen auf die Kollegen losgelassen, um im praktischen Einsatz das in der Theorie Gelernte umzusetzen.

So ziemlich am Anfang war ich als Billeteuse auf der Linie 11 eingeteilt, wo der Muster-Motorwagen Be 4/4 400 «Dante Schuggi» fuhr. Es war der einzige Motorwagen der BVB, bei dem die Türen vom Wagenführer pneumatisch geöffnet und geschlossen wurden. Sonst war dies Aufgabe des Billeteurs.

Die Endstation des 11ers war damals am Aeschenplatz. Der Kollege erklärte mir, auf Folgendes zu achten: Zuerst hinausschauen, ob alle Personen eingestiegen sind, danach zurückgehen und erst dann das Zeichen mit dem optischen Signal zur Abfahrt geben, damit der Wagenführer die Türen schliessen konnte. Wir sind dann abgefahren und kamen zur Haltestelle Denkmal. Ich gab das Zeichen zum Halten, schaute hinaus und zog wie bei den andern Trams hinter mir das Optische und schon hatte ich den Hut zwischen den Türen, da ich vergass, den Kopf zurückzuziehen. Dies passierte mir nur einmal, danach zog ich meinen Kopf immer brav zurück.

Be 4/4 400 mit B3 1339 und B3 1312
Be 4/4 400 «Dante Schuggi» mit automatischer Türe bei der Mittelplattform. In der vorderen Türe des ersten Anhängewagens ist der Billeteur zu erkennen. Aufnahme vom 28. Juni 1964 in Reinach Dorf.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen

Löchlizange

So gab es einige Missgeschicke, auch auf der Tramlinie 18. Diese führte damals von der Neuweilerstrasse via Heuwaage zur Schifflände und zurück. Als ich an der Endhaltestelle Neuweilerstrasse auf die Toilette gehen musste, hatte ich die Lochzange für die Coupierung der Fahrausweise in der Tasche. Damals waren die Toiletten noch mit einem Plumpsklo ausgestattet und es geschah, was jeder ahnt: Meine Zange rutschte aus der Tasche und verschwand im Loch. Ob sie beim Umbau des Stationsgebäudes wieder zum Vorschein gekommen ist, weiss ich nicht. Ich stieg jedenfalls ohne meine Zange wieder in das Tram und bat alle Fahrgäste, welche mit einem Kärtli bezahlen wollten, sich ein Billett zu losen. Das Endziel konnte ich jeweils mit einem Bleistift lochen. Im Stationsbüro am Barfüsserplatz erhielt ich dann eine neue Löchlizange.

Verschoben

Der Sommer ging langsam vorbei und ich hatte noch zwei Wochen Ferien. Grundsätzlich wurden wir dem dem Wohnort nächstgelegenen Depot eingeteilt. Doch ausgerechnet einen Tag vor meinen Ferien teilten sie mich dem Depot Wiesenplatz statt dem Depot Allschwilerstrasse zu.

Ich fing früh am Morgen auf der Linie 14 an und hatte zwei Anhänger zu bedienen. So um 7 Uhr standen wir in Muttenz an der Haltestelle Schützenstrasse. Ich gab die Fahrt bereits frei, als ein Herr noch mitfahren wollte, deshalb schaltete ich das optische Signal noch einmal ein. Er stieg ein und ging ins Wageninnere. Weil es sehr kalt war, schlug er die Türe rasant zu. Leider hatte ich aber noch meine Finger dazwischen, die sich um den Metallrahmen quetschten. Die Fingerspitzen schwollen an und die Haut färbte sich blau. Wie sich später herausstellte, war mein Mittelfinger gebrochen.

Be 2/2 197 mit B2 1210 und B2 1234
Ein für die Linien 12 und 14 typischer Tramzug mit zwei Anhängern, wie er in den Fünfziger- und Sechzigerjahre verkehrte. Aufnahmedatum (10. Juni 1971) und Sichtauge verraten allerdings, dass dieser Zug bereits ohne Billeteur, jedoch sicher noch mit Zugbegleiter unterwegs ist.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen

Da ich bei solchen Situationen schnell ohnmächtig werde, ging ich zum Kollegen im Motorwagen, der – während ich mich hinsetzte – alle drei Wagen bis zum Barfüsserplatz bedienen musste. Ich verzog wegen der starken Schmerzen immer wieder das Gesicht, was eine Dame bewog, mir eine Schmerztablette anzubieten, die ich dann auch dankbar ohne Wasser hinunterschluckte. Beim Joggeli (St. Jakob) konnte sie es dann allerdings nicht mehr mitansehen und hatte Mitleid mit mir. Mit dem Einverständnis meines Kollegen stieg sie mit mir aus, um mit einem Taxi in die Notfallaufnahme zu fahren. Auf der Kreuzung stand ein Polizist, der den Verkehr regelte. Sie ging zu ihm und erklärte ihm die Situation. Ohne zu zögern verliess er seinen Posten auf der Kreuzung und telefonierte von einem kleinen Kasten direkt der Taxizentrale. Das Taxi kam sehr schnell. Ich dankte der Frau und fuhr zur Notfallaufnahme. Es war erst halb acht Uhr und alles war noch geschlossen. Der Taxifahrer liess mich im Auto sitzen, bis ich hinein konnte. Um 11 Uhr kam ich mit einem Gips vom Ellbogen bis zu den Fingerspitzen wieder aus dem Spital. In die Ferien konnte ich dann trotzdem verreisen.

Während meiner Genesungszeit konnte ich nicht als Billetteuse arbeiten. Ich bekam dafür die Möglichkeit, im Büro zu helfen. Als ich am ersten Tag ins Büro kam, sah ich einen mir bekannten Herrn von hinten und rief ihm vertraut zu: «He, hallo was machst du denn hier?» Er drehte sich um und ich wurde ganz verlegen, denn es war gar nicht der Bekannte, sondern ein mir völlig fremder Herr. Ich entschuldigte mich. Zum Glück nahm er es mir nicht übel, denn «Irren ist menschlich». Später wurde dieser Herr mein oberster Chef, gleich nach dem Regierungsrat.

Ein besonderer Dienst

Und noch eine besondere Geschichte von der Tramlinie 11: Weil damals die Haltestellen noch nicht angeschrieben waren, war es in der Nacht schwierig, die Stationen zu erkennen. So erzählte man mir, dass einmal zwei junge Kollegen Nachtdienst auf dieser Linie hatten. Sie waren normalerweise dem Depot Morgarten zugeteilt. Weil sie wirklich nicht wussten, wo sich die Haltestellen befanden, fragten sie die Fahrgäste, wo sie aussteigen müssten, und stoppten das Tram kurzerhand mitten auf der Strecke, damit sie schneller nach Hause kamen. Den Fahrgästen war das recht und sie hatten ihren Spass daran, obwohl es nicht ganz ungefährlich war. Glücklicherweise verletzte sich während dieser Aktion niemand, sonst wären die zwei ganz schön aufgeschmissen gewesen.

Als ich diese Geschichte später einer lieben Kollegin erzählte, meinte sie: «Du dumme Käib, das war ich!» Wir mussten herzhaft lachen, zumal ich auch ihren Kollegen gut kannte.

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Zuletzt aktualisiert am 9. Mai 2026 von Dominik Madörin