Der französische Briefkasten verrät es: Dieser Basler Strassenbahnwagen auf Sonderfahrt befindet sich nicht in der Schweiz! Der idyllische Bahnhof der ehemaligen Birsigthalbahn liegt in Leymen (Frankreich), wird in der Regel jedoch von den gelben Strassenbahnwagen der Linie 10 angefahren. Die Aufnahme entstand am 7. März 2009.
© Dominik Madörin, CH-Ettingen (Bild-Nr. 5_36)

Im Dezember 2014 feierte man die Eröffnung der grenzüberschreitenden Strassenbahnlinie 8 von Basel (Kleinhüningen) in die deutsche Nachbarstadt Weil am Rhein. Die Bilanz nach den ersten Betriebsjahren fällt ausserordentlich positiv aus; sämtliche Erwartungen wurden übertroffen. Bis Ende 2015 nutzten rund 2,8 Millionen Fahrgäste die neue Verbindung. Die Linie profitiert dabei vor allem vom Einkaufstourismus, dies allerdings sehr zum Missfallen des einheimischen Gewerbes. Mit zehn Prozent ist der Anteil Berufspendler dagegen eher gering. Unabhängig davon denkt man in Weil bereits über eine Verlängerung der Strassenbahnlinie nach. Sie soll in einer ersten Phase durch die Hauptstrasse bis zum Läublinpark weitergeführt werden und könnte dereinst ihren Endpunkt beim Vitra Design-Museum haben. Die Finanzierung ist aber weder auf der schweizerischen noch auf der deutschen Seite gesichert und eine Realisierung der ersten Verlängerungsetappe somit kaum vor 2025 zu erwarten.

Schon 1900 nach Sankt Ludwig/Saint-Louis

Rund ein Jahr vor der Einstellung des Betriebs ins französische Saint-Louis posieren Wagenführer und Billeteur vor dem Ce 2/2 68.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen

Schon bald nach der Eröffnung der ersten Basler Tramlinie im Jahre 1895 bewarben sich jedes Stadtquartier und beinahe sämtliche Vororte um baldigen Anschluss ans Schienennetz, darunter auch die Gemeinde Sankt Ludwig im Elsass, seit dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs 1871 Teil des deutschen Kaiserreichs. Als 1899 die Erschliessung des Basler St. Johann-Quartiers durch die Tram anstand, ermächtigte der Regierungsrat die Verwaltung der Basler Strassenbahnen (B.St.B.), sich mit den elsässischen Behörden über die Verlängerung der neuen Strecke bis ins Dorfzentrum von Sankt Ludwig zu verständigen. Dank der zuvorkommenden Haltung der involvierten Amtsstellen war man sich bald einig. Der Gleisbau jenseits der Landesgrenze ging rasch vonstatten und der Betrieb konnte bereits am 20. Juli 1900 aufgenommen werden. Allerdings endete die Strecke lediglich 700 Meter hinter der Landesgrenze. Hier befand sich nicht nur die deutsche Zollstation, sondern kreuzte auch die strategisch wichtige Bahnlinie Sankt Ludwig – Hüningen – Weil am Rhein die Strasse. Die deutsche Bahnverwaltung hätte ein regelmässiges Befahren einer niveaugleichen Gleiskreuzung von Strassenbahnwagen nicht geduldet, so dass zunächst auf die Einfahrt ins Dorf verzichtet werden musste. Erst nach der Hochlegung der Bahnstrecke und der Errichtung einer Strassenunterführung anno 1911 konnten die Tramgleise um 1,1 Kilometer bis zur katholischen Kirche verlängert werden.

Anfänglich eingleisig in Strassenmitte angelegt, erfuhr die Strecke im Zuge der Verlängerung einen Ausbau auf Doppelspur. Lediglich ein kurzes Stück vor der Wendeschlaufe blieb eingleisig. Ergänzend anzumerken bleibt, dass im Zusammenhang mit dem Bau des ersten Basler Rheinhafens St. Johann bei Rheinkilometer 168.0 ein normalspuriges Anschlussgleis vom Bahnhof St. Johann an der Eisenbahnstrecke Basel – Mülhausen (Mulhouse) erstellt wurde, welches wenige Meter vor der Grenze die Strassenbahnstrecke niveaugleich kreuzte.

Die Strecke nach Saint-Louis war weitgehend zweigleisig ausgebaut, konnte jedoch erst nach der Höherlegung der Bahnstrecke St-Louis–Huningue ins Ortszentrum verlängert werden (Aufnahme von 1955).
© Alex Amstein (Sammlung Tramclub Basel)

Das Tram nach Hüningen/Huningue

Um 1960 entstand diese Aufnahme des Be 2/2 116 als Linie 25 auf der weitgehend eingleisigen Strecke nach Huningue/Hüningen.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen

Auch die einstige Festungsstadt Hüningen begehrte Anschluss ans Basler Strassenbahnnetz. Obwohl sich in der kleineren Nachbargemeinde von Sankt Ludwig um die Jahrhundertwende einige grössere Industriebetriebe ansiedelten, die regen Verkehr mit Basel generierten, der Ort ein beliebtes Ausflugsziel der Stadtbevölkerung war und Hüninger Bürger gerne allerlei Anlässe in Basel besuchten, liess das Tram etwas länger auf sich warten. Erst zu Beginn des Jahres 1909 lag der Beschluss des Basler Regierungsrats für den Bau der Strecke nach Hüningen vor. Da eine grenzüberschreitende Strassenbahnstrecke nun über die Zwischeninstanz des Reichsstatthalters in Strassburg die allerhöchste Genehmigung des deutschen Kaisers benötigte, erfuhr das Projekt auf deutscher Seite eine weitere Verzögerung und die Bauarbeiten konnten erst Ende September 1910 aufgenommen werden. Dafür beschleunigte eine Korrektur der Hüningerstrasse die Bauarbeiten auf der schweizerischen Seite. Hier kam – in Erwartung lediglich geringer Beanspruchung – andernorts ausgebautes Schienenmaterial zur Verwendung. Die feierliche Eröffnung fand am 16. Dezember 1910 statt.

Die Neubaustrecke zweigte beim Lysbüchel von der Linie nach Sankt Ludwig ab und war lediglich auf den ersten 600 Metern bis kurz hinter die Staatsgrenze doppelspurig angelegt. Im Bereich der Zollstation kreuzte sie das Anschlussgleis zum St. Johann-Hafen. Das Gleis folgte der Basler Straße bis zur Brücke über den Hüningen-Kanal, wo eine Ausweichstelle Kreuzungen ermöglichte. Vorbei am Abbatucci-Platz, dem quadratischen Mittelpunkt der ehemaligen, von Vauban erbauten Festung Hüningen, wurde der Bahnhof erreicht. Die Wendeschlaufe und ein Abstellgleis kamen in der davorliegenden Grünanlage zu liegen.

Während der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg entstand diese Aufnahme – die Strassenbahnstrecke ist deutlich sichtbar blockiert!
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen

Nach Lörrach in Deutschland

Riehen – eine der beiden Landgemeinden im Norden des Halbkantons Basel-Stadt – erreichten die grünen Tramwagen der B.St.B. erstmals 1908. Der Eröffnungsfeier am 9. August wohnte auch der Bürgermeister von Lörrach bei. In seiner Ansprache begehrte er, «dass die Tramverbindung nicht in Riehen stehen bleibe, sondern in absehbarer Zeit nach Lörrach weitergeführt werde». Schon elf Jahre zuvor ersuchte nämlich die badische Landesregierung Basel um den Bau einer Strecke in die deutsche Nachbargemeinde. Einwände von verschiedenen Seiten zogen die Verhandlungen jedoch in die Länge. Die Grossherzoglich Badischen Staatseisenbahnen fürchteten sich etwa um die Wirtschaftlichkeit der zwischen Lörrach und Basel parallel führenden Wiesentalbahn. Basel erklärte eine Weiterführung der geplanten Strecke nach Riehen wegen der dafür nötigen Strassenverbreiterung als unrentabel. Schliesslich kam eine Einigung zu Stande, und die Badische Regierung gab einem eingereichten Konzessionsgesuch am 22. April 1907 statt.

Eng ging es zu in der Lörracher Turmstraße, hier mit dem Be 2/2 62 der Linie 6 Mitte der Sechzigerjahre.
© Sammlung Tramclub Basel

Schon im Folgemonat war in Lörrach die Trasse für die Strecke festgelegt und mit der Verbreiterung der Basler Straße begonnen worden. Wie in Sankt Ludwig erwies sich ein Bahnübergang als grosses Hindernis. Für die Strecke Stetten – Weil am Rhein («Gartenbahn»), ehemals Teil des südwestdeutschen strategischen Eisenbahnsystems, musste daher 1909 für 168000 Mark eine Brücke über die Basler Straße gebaut werden. Des Weiteren herrschte noch lange Zeit Uneinigkeit über den eigentlichen Endpunkt der Strecke. Im Gespräch waren Tumringen, Rümmingen oder gar eine Weiterführung ins Kandertal. Ebenso wurde über eine weitere Linie von Tumringen über Haagen und Hauingen nach Brombach sinniert, doch blieb es letztlich beim Lörracher Bahnhof als Endpunkt. Nach der Genehmigung der definitiven Pläne von der Regierung in Karlsruhe wurde für den Beginn der Gleisbauarbeiten der August 1914 vorgesehen.

Das Basler Parlament stimmte dem Bau des Teilstücks vom bisherigen Streckenende mitten in Riehen bis zur Landesgrenze am 25. Mai 1912 zu, so dass dieser 1,2 Kilometer lange Streckenteil am 1. Dezember 1914 dem Betrieb übergeben werden konnte. Auf der deutschen Seite führten der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung durch die plötzliche Umstellung auf die Kriegswirtschaft dazu, dass die Bauarbeiten nur schleppend vorankamen und erst im Sommer 1919 abgeschlossen werden konnten. Die feierliche Eröffnung fiel schliesslich auf den 15. November 1919.

Die 2,4 Kilometer lange Strecke mit sechs Haltestellen war mehrheitlich doppelspurig angelegt. Im eng bebauten Zentrum Lörrachs liessen sich allerdings zwei kurze einspurige Abschnitte nicht vermeiden. Im Gegensatz zu den beiden Strecken im Elsass verzichtete man auf eine Wendeschlaufe am Endpunkt. Die Anbindung ans Restnetz im Bereich der Landesgrenze war nur provisorisch mit einem Gleis ausgeführt, was den Einsatz durchlaufender Kurse unmöglich machte. Bis 1926 dieser Missstand behoben wurde, hatten sich die Lörracher mit einem Pendelverkehr Grenze – Bahnhof zu begnügen. Interessanterweise benützten die Pendelkurse abwechslungsweise beide Geleise, fuhren also alternierend im Rechts- und Linksverkehr!

Am 22. Oktober 1966 entstand diese Aufnahme am Zollamt Lörrach-Stetten. Die Fahrgäste haben die Kontrollen offenbar hinter sich.
© Werner Liechti, CH-Rheinfelden (Sammlung Tramclub Basel)