Halt, hier Grenze: Der Be 2/2 135 hat im letzten Betriebsjahr (1961) die Zoll- und Grenzstation zwischen der Schweiz und Frankreich erreicht.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen

Zur gleichen Zeit wie Sankt Ludwig begehrte auch die einstige Festungsstadt Hüningen Anschluss ans Basler Strassenbahnnetz. Obwohl sich in der kleineren Nachbargemeinde Sankt Ludwigs um die Jahrhundertwende einige grössere Industriebetriebe ansiedelten, welche regen Verkehr mit Basel generierten, der Ort ein beliebtes Ausflugsziel der Stadtbevölkerung war und Hüninger sowie Hüningerinnen gerne allerlei Anlässe in Basel besuchten, liess das Tram aber etwas länger auf sich warten. Erst zu Beginn des Jahres 1909 lag der Beschluss des Basler Regierungsrats für den Bau der Strecke nach Hüningen vor. Da eine grenzüberschreitende Strassenbahnstrecke nun über die Zwischeninstanz des Reichsstatthalters in Strassburg die allerhöchste Genehmigung des deutschen Kaisers benötigte, erfuhr das Projekt auf deutscher Seite eine weitere Verzögerung und die Bauarbeiten konnten erst Ende September 1910 aufgenommen werden. Dafür beschleunigte eine Korrektion der Hüningerstrasse die Bauarbeiten auf der schweizerischen Seite. Hier kam – in Erwartung lediglich geringer Beanspruchung – andernorts ausgebautes Schienenmaterial zur Verwendung.

Ansicht der Rue du Général Abbatucci in den Zwanzigerjahren. Die Strecke war durchgehend eingleisig angelegt.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen

Die Neubaustrecke zweigte beim Lysbüchel von der Linie nach Sankt Ludwig ab und war lediglich auf den ersten 600 m bis kurz hinter die Staatsgrenze doppelspurig angelegt. Im Bereich der Zollstation kreuzte sie das Anschlussgleis zum St. Johann-Hafen (später kamen zwei weitere Niveaukreuzungen mit der Sandoz-Werkbahn hinzu). Das Tramgleis folgte nun der Basler Straße bis zur Brücke über den Hüningen-Kanal, wo eine Ausweichstelle Kreuzungen ermöglichte. Vorbei am späteren Abbatucci-Platz, dem quadratischen Mittelpunkt der ehemaligen, von Vauban erbauten Festung Hüningen, wurde der Bahnhof erreicht. Die Wendeschlaufe und ein Abstellgleis kamen in der davorliegenden Grünanlage zu liegen. Die feierliche Eröffnung fiel auf den 16. Dezember 1910.

Schon bei der Betriebseröffnung strebte man eine Verlängerung der Strecke nach dem 1,9 Kilometer entfernten Neudorf an, doch konnte die Umsetzung des weit fortgeschrittenen Projekts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht in Angriff genommen werden und verschwand anschliessend in der Schublade. Die Wagen dieser Linie hätte nicht nur Personen, sondern auch Gemüse in Güterwagen befördern sollen, welches Neudörfler Bäuerinnen auf dem Basler Markt absetzen wollten.

Ausschnitt aus dem Basler Stadtplan von 1940. Die Strecke vom Lysbüchel bis nach Hüningen ist rot hervorgehoben. Der letzte Abschnitt bis zum Bahnhof fehlt.

Betrieb

Zwischen der Landesgrenze und dem Ortseingang führte die Strecke über weitgehend unbebautes Gebiet (Blick Richtung Basel).
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen

Zwischen der Landesgrenze und dem Ortseingang von Hüningen war die Strasse dunkel und unbeleuchtet. Es verkehrten deshalb ausschliesslich Motorwagen, die mit Dachreflektoren ausgerüstet waren.

Die Strecke wurde im Laufe der Zeit von folgenden Linien bedient:

Zunächst erreichte man Hüningen mit der Linie 15 ab St. Johanns-Tor. Vom 24. Dezember 1910 bis zum 30. Juli 1914 und vom 1. Juni 1923 bis zum 1. September 1939 konnte Hüningen bequem mit durchgehenden Wagen aus entfernteren Stadtteilen erreicht werden. Vom 31. Juli 1914 bis am 30. September 1915 sowie vom 1. September 1939 bis am 13. Juli 1947 ruhte der Betrieb kriegsbedingt.

Vom 22. Mai 1932 bis am 1. September 1939 verkehrten die Wagen der langen Kombinationslinie 4/5 nach Huningue: Huningue (5) – Voltastrasse (5) – Schifflände (5) – Aeschenplatz (5) – Thiersteinerallee (5) – Güterstrasse (5 → 4) – Bahnhof SBB (4) – Aeschenplatz (4) – Schifflände (4) – Claraplatz (4) – Kleinhüningen (4). Für den ganztägig angebotenen 12-Minutenbetrieb benötigte man zehn Kurse, wobei jedoch nur jeder zweite nach Huningue durchfuhr. Der Zwischenkurs wendete an der Landesgrenze.

Anhängewagen wurden nur frühmorgens, über die Mittagszeit und abends mitgeführt.

Im Zweiten Weltkrieg erlitten die Bahnanlagen schwere Schäden. Vor allem die Brücke über den Kanal war durch Bombenangriffe derart in Mitleidenschaft gezogen worden, dass eine Wiederinbetriebnahme der Tramlinie wegen hoher Reparaturkosten lange Zeit als nicht realisierbar galt. Erst 1947 waren die Anlagen auf eindringlichen Wunsch der Gemeinde soweit hergestellt, dass der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte.

Das aufwändige Eröffnungsfest inszenierte man am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli. Die Basler Verkehrs-Betriebe boten einen Pendelbetrieb zwischen Huningue Gare und Basel-Lysbüchel an. Bei einer Fahrzeit von 11 Minuten pro Weg und einem Halbstundentakt genügte ein einzelnes Fahrzeug, welches nachts in Huningue verblieb. Es bestand ein von den BVB unabhängiger Tarif in französischer Währung, das Personal war ebenfalls französisch, aber von den BVB angestellt und uniformiert. Zum Einsatz kamen ausschliesslich zweiachsige Motorwagen aus der Serie 101–136 mit Längssitzen. Diese durften die Grenze nur leer passieren – die Fahrgäste hatten die Tram zu verlassen und einige Meter zu Fuss zu gehen.

Im Zweiten Weltkrieg erlitten die Bahnanlagen schwere Schäden. 1961 überquert der Be 2/2 135 die Brücke über den Canal de Huningue, welche zwanzig Jahre zuvor durch Bombenangriffe stark in Mitleidenschaft gezogen worden war.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen

Die Haltestelle Fabrikstrasse war für die Angestellten der benachbarten Chemiefirma Sandoz von grosser Bedeutung. Für diese Fahrgäste zirkulierte in den Hauptverkehrszeiten morgens, mittags und abends ein Pendelkurs zwischen Lysbüchel und der Landesgrenze. Dieser Kurs nahm vom Lysbüchel die Fahrgäste der Linien 5 und 15 auf und fuhr das kurze Stück bis zur Grenze.

Der fast ausnahmslos als Einmannwagen geführte Arbeiterkurs war dem