Damals konnten die Trams noch nicht so viele Fahrgäste transportieren wie heute. Deshalb wurden viel mehr Einsatzkurse eingesetzt.
Ich hatte gerade Dienst auf einem solchen Einsatzkurs der Linie 3. Mit meiner Kollegen stand ich an der Endhaltestelle Birsfelden und wartete, bis der reguläre Kurs vor uns abfuhr. Ein Herr kam auf uns zu und fragte, ob wir schneller wären als der Regelkurs. Der Wagenführer sagte zum Scherz: «Ja, selbstverständlich, wir überholen an der Schulstrasse!» Hinter dem Rücken des Herrn platzte ich fast vor Lachen, denn wir hatten die Komposition eines heutigen Oldtimers und überholen ging schon gar nicht! Der Herr stieg allerdings bei uns ein, im festen Glauben, dass er schneller an seinem Ziel ankommen werde. Wir fuhren drei Minuten später als der reguläre 3er von der Endhaltestelle ab. Ich glaube, spätestens dann hat der Fahrgast gemerkt, dass der Wagenführer einen Scherz gemacht hatte. Wortlos blieb er sitzen und stieg irgendwo aus, aber eben drei Minuten später als normal. Wir haben natürlich alle herzhaft gelacht.
Mittäglicher Einsatzkurs der Linie 3 mit Be 2/2 162 und B2 1172 um 1968 beim Barfüsserplatz.
© Rolf Villoz (Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen)
Ein anderes Mal beschimpfte mich auf einem Einsatzkurs, ebenfalls auf der Linie 3, ein Herr mit Hut auf die übelste Art. Ich weiss heute nicht mehr, aus welchem Grund, jedenfalls standen wir gerade an der Haltestelle Burgfelderplatz. Der Wagenführer bekam alles mit. Da der Fahrgast vorne ausstieg, schnappte er dessen Hut, in der Hoffnung, dass eine Adresse auf der Innenseite steht, wie es damals üblich war. Doch dem war nicht so. Leider holte der Fahrgast seinen Hut nie ab. Sonst hätte er wohl von den BVB eine Anzeige erhalten.
Die Ohrfeige
Weil es immer mehr Fahrgäste gab, wurde die Linie 6 (Allschwil–Riehen Grenze) mit Grossraum-Motorwagen, Grossraum-Anhängewagen und noch einem zusätzlichen alten Anhänger ausgestattet, der für die Schüler reserviert war. Dieser Kurs fuhr immer am Morgen und über den Mittag.
Ein lieber älterer Kollege, der vor der Pensionierung stand, bediente diese Kurse. Er erzählte mir von einem Knaben, der in Bettingen wohnte, und regelmässig mitfuhr. Er hatte einen Schraubenzieher dabei und fing an, an den Schrauben im Tram herumzuschrauben. Der Kollege warnte ihn zwei Mal damit aufzuhören. Weil er auch beim dritten Mal nicht damit aufhörte, gab er ihm eine Ohrfeige. Damals stand auf der Tramkarte noch die Adresse des Besitzers. Der Kollege notierte sich diese und sagte dem Jungen, dass er seinem Vater erzählen soll, dass er ihn geschlagen hätte, er selbst werde ihn ebenfalls anrufen. So geschah es auch.
Schülerwagen B2 1158 «LEVENTINA II» als zusätzlicher Anhänger eines Zuges der Linie 6. Der «Schülerpfeil» beförderte ab 1957 bis in die Sechzigerjahre während der Hauptverkehrszeiten Generationen von Schülern aller Altersgruppen.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen
Am Nachmittag sass der Junge völlig niedergeschlagen wieder im Tram und erzählte, dass er von seinem Vater auch noch eine Ohrfeige erhalten habe. Das waren noch Zeiten! Würden wir heute so reagieren wie mein lieber alter Kollege, dann hätten wir eine Anzeige am Hals, oder der Vater würde uns bedrohen.
Sparversuche
Um die häufigen Verspätungen auf der Linie 6 aufzufangen, ohne Fahr- und Dienstpläne ändern zu müssen, kam man auf die Idee, einen zusätzlichen Kurs (einen sogenannten Schlusskurs) einzusetzen. Darum mussten wir jeweils an der Gartenstrasse in Allschwil das Tram verlassen und den Gegenkurs in Richtung Basel–Riehen übernehmen. So fuhr eine Mannschaft nur Gartenstrasse–Allschwil Dorf–Gartenstrasse, während die anderen den restlichen Teil der langen Linie übernahmen.
Zug der Linie 6 am 4. Juni 1962 an der Endstation Riehen Grenze. Der Be 4/4 430 führt den brandneuen B 1434 mit, ein Grossraum-Anhängewagen der zweiten Generation mit Billeteursitz.
© Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen
Meist waren wir zu spät und mussten in Riehen gleich wieder die Rückfahrt antreten. Da wir an der Gartenstrasse umsteigen mussten, blieb uns kaum Zeit, um auf die Toilette zu gehen. So hing eines Tages im Aufenthaltsraum im Morgartendepot ein Zapfen, eine Wäscheklammer sowie ein Plastiksack – mit dem Vermerk: «Zapfen und Plastiksack für die Billetteusen, Wäscheklammer für die Kollegen». Irgendjemand hat sich allerdings daran gestört und entfernte die Utensilien noch am selben Tag. Der Versuch wurde durch eine Fahrplanänderung ohnehin bald wieder abgeschafft – zum Glück für unsere Blasen!
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Zuletzt aktualisiert am 19. Mai 2026 von Dominik Madörin



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